Rémy Markowitsch
«liquides noirs»
1. Juni – 8. Juli 2011
«Chapeau Crapaud!»
Spezialveranstaltung – Samstag, 9. Juli 2011
Ob beim Grossprojekt «Bibliotherapy meets Bouvard et Pécuchet» von 2002, den «Loulou»-Fotoarbeiten von 2001, oder in der Videoarbeit «Homais» aus dem Jahre 2004/2011 – im Schaffen von Rémy Markowitsch diente das Œuvre des Romanciers Gustave Flaubert schon mehrfach als Ausgangspunkt für eine (bild-)künstlerische Auseinandersetzung. So wird es denn nicht übermässig erstaunen, dass für den Künstler nun auch das originale bronzene Tintenfass Flauberts ein höchst reizvolles und inspirierendes Objekt darstellt. Das merkwürdige amphibienförmige Behältnis, aus dem der französische Schriftsteller während fünf Jahren jene schwarze Tinte – «liquides noirs» (Ausstellungsraum 2, siehe Raumplan auf Seite 3) – schöpfte, mit welcher er den Roman «Madame Bovary» niederschrieb, befindet sich heute, nebst anderen Memorabilia in einer Vitrine platziert, im Pavillon Flaubert nahe Rouen. Die in der Ausführung von Rémy Markowitsch in Bronze genau nachgebildete Kröte (Ausstellungsraum 1) – weil es schöner tönt, allitterierend als «Flaubert's Frog» betitelt – ist indes mit ziemlich erstaunlichen, im wahrsten Sinne markanten und dem Flaubert'schen Objekt nicht eigenen Anlagen ausgestattet: Auf hoher Sockelstele sitzend und im langgezogenen Ausstellungsraum fast schon verloren wirkend, speit das knapp faustgrosse Tier-Gefäss in unregelmässigen Abständen und nach verschiedenen Richtungen hin schwarze Tinte aus; diese trifft auf einen hochformatigen Papierbogen so, dass im Verlauf eines Ausstellungstages jeweils ein action painting, oder eher: action drawing entsteht. Das dergestalt zu einer schliesslich 22-teiligen Serie anwachsende Werk wird nach Ende der eigentlichen Ausstellung anlässlich der Ein-Tages-Ausstellung mit dem Titel «Chapeau Crapaud!» am 9. Juli 2011 in seiner Gesamtheit präsentiert. Flauberts Arbeitsgerät wird demnach in der von Rémy Markowitsch verantworteten Nachbildung «autorisiert» und in gewissem Sinne mobilisiert. Schreibfeder und Autorenhand sind abwesend – der Bronzekröte gelingt also gleichsam der unmittelbare bildnerische Coup.
Der automatische (eigentlich: digital programmierte) Auswurf, diese écriture oder peinture automatique, ist selber wiederum in mannigfältiger Weise mit Flaubert und mit dessen eingangs erwähntem Hauptwerk verbunden. Man denke nur an den «Schwall schwarzer Flüssigkeit» aus Madame Bovarys Mund in der Sterbeszene oder an die diversen das Motiv des Sich-Gehenlassens und des Kontrollverlusts umspielenden Episoden des Romans. Nebst dem leichtfertigen Geldausgeben, das schliesslich zu einem Auftritt der Pfänder im Haus der Bovarys führt, sind das anscheinend ziellose Herumkutschieren der Protagonistin und der mehrfache Ehebruch diese «Fahrlässigkeiten», die ja nicht zuletzt auch mit der sexuellen Konnotation der Tinte «ejakulierenden» Kröte in Verbindung stehen. Es gibt aber – und das ist gewiss mit ein Grund, weshalb Rémy Markowitsch sich des Tintenfass-Kröten-Objekts angenommen und in dieser Weise umfunktioniert hat – noch sehr viel fernerliegende, aber deshalb nicht weniger sich aufdrängende Assoziationen: Erwähnenswert ist namentlich das sogenannte Flobert-Gewehr, angesichts dessen homophoner Verwandtschaft mit dem Autor sich die hier grob entwickelte Gedankenkette von literarischem oder bildnerischem Wurf über die sexuellen Konnotationen bis hin zum den Tod anzeigenden Auswurf beträchtlich weitertreiben lässt.
Um Auswürfe und Ent-Äusserungen geht es also hier, im Grunde aber ebensosehr um Einflüsse. Es ist nicht nur die Faszination Rémy Markowitschs für das Medium Buch und dessen materielle Qualitäten, die er insbesondere mit seinen «Durchleuchtungen» in Fotoserien mit Titeln wie Nach der Natur (1991–1998), On Travel (1998–2004) oder Tristes Tropiques (2004) thematisiert hat. Der ganze «Flaubert-Komplex» dreht sich auch in hohem Masse um den Leitgedanken der im weitesten Sinne halluzinierenden Wirkung eines dafür notorischen literarischen Stoffes. Sowieso spielen Stoffe in «Madame Bovary» eine zentrale Rolle: Da ist einmal die «Schundliteratur», die Madame als Gegenmittel gegen die Langeweile dient, weiters sind es die Kleider, die Emma Bovarys (Ersatz-)Verlangen nach Luxus befriedigen sollen und wegen denen sich der Stoffhändler mit dem sprechenden Namen Lheureux aufgrund Madames Verschuldung einen grossen Teil des Bovaryschen Besitztums aneignen kann, und schliesslich finden sich Stoffe in Form der vom Apotheker Homais verabreichten Substanzen, die Madames Leiden an der ländlichen Enge lindern. Im Reigen dieser Stoffe tritt in der Interpretation von Rémy Markowitsch einer massgeblich hervor: Der Schriftzug «liquides noirs» (Ausstellungsraum 2) ist eine in die Dreidimensionalität übersetzte Vergrösserung von Flauberts Handschrift aus dem «Madame Bovary»-Manuskript (http://bovary.univ-rouen.fr/). Die Formel, in der enormen plastischen Umsetzung nur schwerlich lesbar und primär bildhaft wirkend, entstammt einer der Schlüsselszenen des Romans. Sie findet sich in Emma Bovarys Sterbeszene, in welcher eindrücklich geschildert wird, wie das Arsen mit dem «affreux goût d'encre» («schreckliche{n} Tintengeschmack») zunächst seine Wirkung tut und wie schliesslich aus dem Mund der bereits toten Protagonistin ein schwarzes Rinnsal des Giftes fliesst.
Dem Zwiespalt, welcher der nur vermeintlich gemässigten oder massvollen Abgabe oder Einnahme von bewusstseinsverändernden Substanzen zur Befriedung eines masslosen Verlangens innewohnt, sucht die Skulptur «Emma's Gift» (Ausstellungsraum 3) in sowohl formaler wie inhaltlicher Hinsicht zu entsprechen. Zwei Marmorköpfe – der untere hat die Gesichtszüge Gustave Flauberts, der obere zeigt eine doppelt fiktive Emma Bovary (es handelt sich in Wirklichkeit um ein skulpturales Abbild der mit Rémy Markowitsch bekannten Sängerin Emanuela Hutter, Frontfrau der Band «The Hillbilly Moon Explosion») – kommunizieren über die «Flüssigkeit». Diese «rinnt» logischerweise von oben nach unten, gleichzeitig aber fungiert sie als Stütze des oberen Marmorkopfs. Das Geschöpf des Schriftstellers also beschenkt diesen mit dem «Gift» (engl. für «Geschenk»), das dieser selbst bereitet, nämlich erschrieben hat.
Die Videoarbeit «Homais» (2004/2011, Koje) bezieht sich auf den bereits genannten gleichnamigen Apotheker aus «Madame Bovary». Der bereits im Roman gleicherweise groteske wie für die «öffentliche Meinung» stehende und dadurch höchst ambivalent wirkende Charakter wird bei Rémy Markowitsch zur ganz und gar schrägen Figur, die in drei Sprachen eine monologische Rede aus Flauberts Werk deklamiert – ein Plädoyer für das Anprangern und Kontrollieren des Konsums alkoholischer Getränke, das heisst «geistiger» Substanzen; ein Sermon, der sich im endlosen Loop als «Geleier» herausstellt und dadurch gewissermassen selber unterläuft.
In der Ausstellung werden die zum «Bovary-Komplex» gehörenden Werke flankiert von Fotografien der Serie «We are family» (2010 und 2011, Ausstellungsräume 3 und 2), die an die seit rund zwei Jahrzehnten entstehenden Durchleuchtungs-Serien «Nach der Natur», «On Travel» oder «Tristes Tropiques» anknüpft. All diese Arbeiten sind Resultat einer fotografischen Analyse und bildlichen Synthese, die gleichzeitig auch eine ganz grundsätzliche Reflexion auf das Medium der Fotografie und die mit dieser Technik verbundenen Ideen darstellt. Aber waren es bei den früheren Serien noch gewöhnliche fotografische Abbildungen, die sich mittels der Durchleuchtung einer Buchseite zu einem neuen, hybriden und verwirrend vielfältigen Bild verschmelzten, so sind es in «We are family» Röntgenaufnahmen – aus dem 1931 erschienenen Buch «Durchleuchtete Körper (Röntgenbilder)» von Dr. Karl Döhmann –, die nun als Durchleuchtung einer Durchleuchtung im Grossformat erscheinen. Auf die in «We are family 04» gezeigte Synthese der Radiografien von Gottesanbeterin und Seepferdchen ist insofern dezidiert hinzuweisen, als die beiden hier radiografierten Tiere beide ein unübliches, die Geschlechterverhältnisse gleichsam umkehrendes Verhalten aufweisen – diese Arbeiten scheinen sich damit geradezu selbstverständlich in die Werkgruppe der Bovary-Thematik einzureihen.
Isabel Fluri
Anlässlich der Ausstellung «liquides noirs» ist eine dreisprachige Publikation erschienen:
Rémy Markowitsch. liquides noirs
mit Essays von Kathrin Becker und Isabel Fluri
hrsg. Markus Hilfiker, Luzern 2011
deutsch/englisch/französisch, 64 Seiten
ISBN 978-3-033-02953-8
CHF 10.–
Edition zur Ausstellung:
Rémy Markowitsch. Madame Bovary, c'est moi, 2011
Vinylschallplatte
The Hillbilly Moon Explosion (Song), Yvan Leclerc (Text), Limitiert auf 30 Exemplare
Schallplattenhülle Unikat, recto und verso Tinte auf Karton, 31 x 31 cm
signiert, nummeriert und datiert
CHF 250.–
Song anhören: www.markowitsch.org/emma/