Mirjam Kradolfer

Preisträgerin «Hilfiker-Preis für Fotografie und neue Medien»

«prósopon»

2. Juni – 10. Juli 2009 

 
 

 
 

Es gibt verschiedene Motive, die eine Künstlerin oder einen Künstler dazu führen, sich selber zum Bildobjekt zu machen: Je nach dem geht es vornehmlich um die Ergründung der eigenen Person, um die Frage nach innerem Sein und äusserem Schein und um das Problem der Darstellung dieser Diskrepanz, wobei die Bilder oft als «Selbstporträts» bezeichnet werden; oder aber eine Arbeit dreht sich um allgemeine Fragen der Wahrnehmung und des Wahrgenommenwerdens - ein Künstler begreift sich selber dabei eher pragmatisch als jederzeit zur Verfügung stehender Handlungsträger. In Mirjam Kradolfers (*1979, lebt und arbeitet in St. Gallen) neuen Fotografien sind diese beiden Aspekte zu finden.

 

Ihre seriellen Aufnahmen des eigenen Kopfes oder des Gesichts etwa haben zahlreiche Metamorphosen durchlaufen. Sie haben sich zum Beispiel von analogen Negativbildern über digitale Scans, ihre Bearbeitung, Neukomposition und den Druck zu wiederum analog weiter auszuarbeitenden Kontaktkopien entwickelt, um schliesslich als Schwarzweiss-Lambdaprints auf Fotopapier eine gleichermassen eigenständige wie schon fast klassisch anmutende Qualität zu erreichen. In der Arbeit mit sich selber als inszeniertes, bisweilen verkleidetes und geschminktes Modell vor der Kamera macht Mirjam Kradolfer aus dem Aufnahmevorgang eine Art Performance, von der im fertigen Bild nur noch Spuren - die Maskierung, die eigenartig malerische Tonigkeit und die Verzerrungen, die aus dem Entwicklungs- und Ausarbeitungsprozess resultieren - wahrnehmbar sind. So steht auch bei «Ohne Titel (nach Cranach)» weniger das Moment der Verkleidung oder jenes der Nachahmung im Vordergrund, sondern vielmehr der Übersetzungsprozess, der mediale Transfer, also die buchstäbliche Entwicklung des Bildes.

 

Bereits die eigentliche Aufnahme, das Ablichten, stellt eine paradoxe Situation dar, insofern Mirjam Kradolfer sich als Modell zu sehen gibt und gleichzeitig als Künstlerin ihr Sujet nicht sieht, ihr Bild demnach blind schafft. Diese Komplikation wird dann in «Ohne Titel (Triptychon)», das fern an Otto Dix' «Bildnis der Journalistin Sylvia von Harden» (1926) erinnert und dessen Dreiteiligkeit durch das merkwürdig unwirklich scheinende Raumkontinuum des feuerroten Hintergrundes quasi aufgehoben wird, innerhalb und ausserhalb des Bildraumes zugespitzt: Die doppelte Erscheinung der offensichtlich gleichen Figur auf zwei Tafeln eröffnet ein faszinierendes Spiel von Erblicken und Erblicktwerden. Der linke Flügel zeigt eine in sich gekehrte Gestalt, die sich indes ebenso klar zur Figur rechts hinwendet, die ihrerseits - offensiv auch in ihrer Pose - mit ­trotzig-aggressivem Blick aus dem Bildraum schaut. Der Betrachter, in seiner Fantasie angesichts der links Sitzenden möglicherweise angeregt, wird von der im zentralen Bildfeld Befindlichen in seinem Tun entlarvt; ihre sich anbietende Haltung widerlegt Letztere gleichsam - durch ihre geschlechtliche Ambivalenz und in erster Linie natürlich vermittels des Blicks, welcher das gewohnte Verhältnis zwischen Bildobjekt und Betrachter oder Betrachterin umzukehren scheint. Doch wie verhalten sich die beiden Bildfiguren zueinander? Beschützt die eine die andere? Sind es zwei vor allem psychische, also innere Zustände einer Person, die hier zur Darstellung kommen? Mirjam Kradolfer führt uns mit dem Titel der Ausstellung auf eine Fährte: «prósopon» ist das griechische Wort nicht bloss für Maske, sondern auch für Gesicht. Es drückt demnach die Identität des vermeintlich Gegensätzlichen aus, nämlich der «künstlichen», ein Dahinter suggerierenden Maske mit dem «natürlichen», blossen Gesicht, das allerdings für gewöhnlich nur wieder als trügerische Hülle eines inneren unergründlichen Wesens einer Person vorgestellt wird. Im Sowohl-als-auch des «prósopon» jedoch wird diese Unterscheidung von Sein und Schein irrelevant - es geht um die Erscheinung, jenseits dieses Gegensatzes, um das, was einzig sichtbar ist. In wörtlicher Übersetzung bedeutet «prósopon» «das, was gegenüber den Augen (eines anderen) ist», impliziert also die Konfrontation mit einem Betrachter: Ein Masken-Gesicht braucht wie ein Bild(objekt) den aufmerksamen, scharfsichtigen Zuschauer.

 

Fragen der Wahrnehmung und Bildkritik im weiteren Sinne waren schon wichtig in der mit dem ersten Hilfikerpreis prämierten Werkserie, «Alterierte Porträts (Augst Sander)» aus dem Jahre 2007, in welcher Mirjam Kradolfer, die von der Malerei herkommend seit einigen Jahren hauptsächlich im Medium der Fotografie arbeitet, „die oszillierenden und nicht weniger irritierenden Beziehungen zwischen Individualisierung und Typisierung im fotografischen Porträt wieder virulent macht" (Zitat aus dem Jurybericht).

 

Isabel Fluri