Katalin Deér
«Elphinstone»
9. April – 20. Mai 2011
Katalin Deérs Arbeiten schaffen Verbindungen zwischen Fotografie und Skulptur sowie Architektur. Die Künstlerin, die über die Bildhauerei zur Fotografie als bevorzugte künstlerische Technik gefunden hat, zeigt neue Werke zwischen einigen älteren Arbeiten, welche in einer installativen Anordnung die bemerkenswerte Bandbreite ihres Schaffens bezeugen: Klein- und sehr grossformatige stets analoge fotografische Abzüge finden sich neben – wiederum Fotos mit einbeziehenden – plastischen Arbeiten. Die häufig gewichtigen Materialien, welche die Künstlerin hierfür verwendet, sind Stuckmarmor, Holz und gegossenes Metall, Beton, aber auch Gips und Karton. Dabei wird der manchmal mehrfache Transfer von der Drei- in die Zweidimensionalität und umgekehrt erfahrbar, der wesentlich für Katalin Deérs Werk ist und dieses so einzigartig macht. Fotografische Abbildungen alltäglicher Gegenstände oder architektonischer Objekte werden hinsichtlich ihrer skulpturalen Qualität untersucht. Oberfläche, Tiefe und gewohnte Massstäbe behandelt die Künstlerin als Variablen und als über das fotografische Bild und das Fotopapier ständig zu befragende Dimensionen.
Der bildhauerische Ansatz und die immer wieder wichtige – und schon in den ganz frühen Arbeiten Katalin Deérs zentrale – Auseinandersetzung mit Alltagsmobiliar werden deutlich in den im Eingangsbereich, im Ausstellungsraum 2 (siehe Grundrissplan) positionierten Arbeiten. Es handelt sich um Objekte, bei denen entweder ein fotografischer Abzug in Stuckmarmor eingearbeitet oder eine fotografische Abbildung in eine Stuckmarmorintarsie uminterpretiert worden ist. Gerade die in der handwerklich höchst aufwendigen und heutzutage nur mehr selten praktizierten Scagliolatechnik gearbeiteten Motive – Tische und Stühle mitsamt Schatten, wie sie von den fotografischen Vorlagen übernommen werden – korrespondieren in auffallender Weise mit den zu den Objekten gehörigen Stuhl- oder Tischelementen. Letztere sind nicht nur für die skulpturale Wirkung der einzelnen Arbeiten verantwortlich, sondern sie verweisen auch dezidiert auf die Plastizität der Fotografie, beziehungsweise deren Umsetzung als Intarsie. Damit wird klar, dass bei Katalin Deér die Abbildlichkeit nur ein Aspekt des fotografischen Bildes ist. Und just daher ist es auch verständlich, weshalb die Künstlerin die analoge Fotografie und Handabzüge bevorzugen muss: Nur in diesem heute ausserhalb des Kunstkontextes im Verschwinden begriffenen Verfahren ist die Bildwerdung ein materieller, photochemischer Prozess in einer lichtempfindlichen Schicht und entsteht auf dem selber physischen Gegenstand des Fotopapiers das trotz aller Flachheit erkennbar dreidimensionale Bild.
Einerseits Räumlichkeit aus dem scheinbar Zweidimensionalen, der Oberfläche des Fotopapiers herauszuschälen und andererseits die Bildhaftigkeit, also die Flächigkeit des Skulpturalen sichtbar zu machen – darum geht es Katalin Deér in ihrer Arbeit immerzu. Doch auch die ganz klassische Funktion der Fotografie, etwas physisch Abwesendes zu vergegenwärtigen, beschäftigt die Künstlerin offensichtlich in hohem Masse. Oftmals nämlich sind die Arbeiten eine Art Verweis-Spiel zwischen Anwesendem und Abwesendem. Beispielhaft zeigt sich dies in «Elphinstone Ghost (floating)» und in «Geist» (2011). Die grossformatige Fotografie gibt die im Internet gefundene und im Atelier der Künstlerin arrangierte Abbildung des nicht mehr existierenden schottischen Wohnturmes «Elphinstone» wieder. Das im selben Ausstellungsraum befindliche Objekt «Geist» wiederum besteht aus einem nicht patinierten Neusilberabguss eines Hockers, der sich – soviel ist trotz der Leerstelle dort, wo sich seine Abbildung befinden sollte erkennbar – als doppelt oder genaugenommen gar dreifach abwesender in Form der Silhouette aus Fotopapier präsentiert.
Was hier wie auch schon in der Arbeit «Stuckmarmor mit Foto» als «Objektivierung» im Sinne einer Verdinglichung der Fotografie bezeichnet werden könnte, wird in etwas anderer Weise fortgeführt in «Tisch mit Fotos» (Ausstellungsraum 3). Auf einer Art Plattform, die mit einem gewöhnlichen Tisch nur wenig gemein hat, sind Abzüge auf Fotopapier und gebogene, mit Gips hintergossene Fotografien ausgelegt. Im scheinbar zufälligen Nebeneinander der verschieden weiterbearbeiteten Abzüge werden nicht bloss bestimmte motivische Präferenzen – oft handelt es sich bei den Bildsujets um Mobiliar, noch häufiger allerdings um Architekturen – offensichtlich; erneut wird man darüber hinaus der Körperlichkeit der Fotografie gewahr. Die Bildoberfläche, die eigentliche Bilddarstellung sowie der bisweilen überdimensionierte, im Labor entstandene und von der Künstlerin sehr präzis gewählte «Rahmen» des die Abbildung umgebenden Weiss, biegt sich dem Betrachter entgegen, löst sich manchmal deutlich ab von der MDF-Platte, auf der sie aufliegt.
Zu einem wahrhaften «Bild-Gegenstand» (Max Wechsler im Text der Publikation «Present Things») wird die Arbeit Katalin Deérs bei «Modell, Hockerrahmen», das sich im Ausstellungsraum 1 befindet: Die Fotografie eines Hockers ist «seziert», transformiert und ausgebaut zu einem vage an ein Architekturmodell erinnernden Objekt. Wurde der dreidimensionale Hocker vermittels der Fotografie auf seine aus einer bestimmten Perspektive sichtbaren Aspekte reduziert, ohne dass sich dadurch Zweifel an der realen Dreidimensionalität einstellten – eine Übersetzungsleistung, die wir tagtäglich unbewusst vollführen – so entsteht durch den «Ausbau» in Kartonagetechnik ein im eigentlichen Sinne artifizielles Objekt, das uns die so selbstverständliche, aber im Grunde unheimliche Dimension des Raumes und seiner imaginären Erweiterung vorzuführen vermag.
Räumliche Verhältnisse als Schichtungen und Staffelungen sowie verschiedenartige Transformationen und Übertragungen werden auch in Katalin Deérs gewissermassen rein fotografischen Arbeiten wie den zwei Grossformaten im Ausstellungsraum 1 vorgeführt. Eine bildliche Irritation in Form des schwarzen Vierecks – das hier abgründig und fast schon geisterhaft wirkt – markiert in «grosses Fenster» eine Art Zwischen-Raum zwischen dem (realen) Betrachterraum und dem geradezu malerisch wirkenden Landschaftsmotiv des Bildraums. Eine etwas anders geartete Schichtung und Zwischenräumlichkeit und für die Arbeit Katalin Deérs nicht ungewöhnliche Übersetzung zeigt sich in «gefaltete Wand». Hier handelt es sich beim Bildsujet um eine aus einem Ausstellungszusammenhang stammende und für eine weitere Ausstellung bereitgestellte Assemblage von Gipswänden, in welche die Künstlerin ihre Fotografien eingearbeitet hat. Letztere geben, wie könnte es anders sein, teilweise bereits mehrfach von der Dreidimensionalität in die Zweidimensionalität transponierte bildgewordene Objekte wieder und lassen so die in Real- und Bildraum jeweilig gültigen Verhältnisse bis zur Ununterscheidbarkeit sich verschränken.
Isabel Fluri