Barbara Maria Meyer

«Fleur trouvée»

 

28. August – 16. Oktober 2010

 
 

 
 

Seit Beginn der 1990er Jahre beschäftigt sich die in Basel lebende Barbara Maria Meyer (*1955) mit der Pflanzenwelt – sowohl mit den Gewächsen selber, als auch mit deren schematischen Darstellungen aus botanischen Bestimmungsbüchern und Enzyklopädien. «Fleur trouvée» lautet denn auch der auf Vegetatives anspielende Titel der Ausstellung, mit der die Künstlerin ihr Schaffen erstmals in der Zentralschweiz präsentiert und die zugleich die erste Schau von Hilfiker Kunstprojekte mit Schwerpunkt Malerei ist. Der Ausstellungstitel verweist aber nicht nur begrifflich unmittelbar auf Barbara Maria Meyers Arbeitsgrundlage, sondern mit seiner – angesichts der an Bezügen zu Blumen äusserst reichen Werke merkwürdigen – Singularform darüber hinaus wohl nicht ganz zufällig auf den Begriff des «Objet trouvé». Als terminus technicus der Kunstgeschichte bezeichnet «Objet trouvé» ein Werk oder Werkelement aus Vorgefundenem, seien es artifizielle oder natürliche Gegenstände. 

 

Barbara Maria Meyer entdeckt auf ihren ausgiebigen Streifzügen durch die Natur oft gerade in eigentlich unauffälligen Pflanzen Motivvorlagen für ihre Gemälde und Wandmalereien. Bisweilen realisiert sie ihre Werke direkt im Aussenraum: Einerseits bringt sie an verwitterten Fassaden alter Industriebauten und auf anderen untypischen Trägermaterialien mit Kreide feine Zeichnungen von pflanzlichen Strukturen an, deren ephemere Formen sie jeweils mit der Kamera einfängt. Andererseits arbeitet sie mit lichtempfindlichem Papier, um das Gefundene in sogenannten Sunprints festzuhalten, die gleichzeitig bildnerische Vorstufen für die Malereien darstellen. Wegen seiner Ähnlichkeit mit der Cyanotypie und dem Fotogramm vermutet man beim Sunprint eine im Zeitalter der Digitalfotografie geradezu altertümliche kameralose Lichtbildtechnik; das resultierende Bild ist aber in Wirklichkeit einer elaborierten, relativ neuartigen Papierbeschichtung verdankt. Die Serie der «sunprint alpin, safiental» im Ausstellungsraum 3 hat die Künstlerin im Jahr 2008 während eines Aufenthalts im besagten Bündner Bergtal geschaffen. Auffällig sind nicht nur die verschiedenen Blaunuancen, die sich aus der unterschiedlich langen Belichtungszeit innerhalb eines Blattes ergeben und die den Kompositionen mehr oder weniger räumliche Tiefe verleihen; es scheint sich in der Serie auch eine je unterschiedliche Dynamik zu manifestieren, mit der die Künstlerin gesammelte Blumen und Gräser arrangiert, bewegt und rasch wieder entfernt hat.

 

Die frühesten Werke der Ausstellung befinden sich – allerdings auf den Raum bezogen erweitert – in der Koje: In diesen Gemälden offenbart sich besonders der hohe Abstraktionsgrad, den das Pflanzliche im Werk der Künstlerin erreicht. Durch starke Vergrösserung oder Verkleinerung der Vor-Bilder, ob vorgefundene Pflanzen oder Details und Querschnitte aus Bestimmungsbüchern, entstehen flächig gemalte Kompositionen, in denen sich opake und lasierende Bereiche zu einem vielschichtigen Arrangement zusammenfügen. In einer Gemälde- und Wandmalerei-Kombination wie «a singular garden, Brombeere» (2006/2010) zeigt sich jedoch nicht nur eine eigenwillige Transformation von Formen aus der Pflanzenwelt ins Bildgeviert hinein, sondern auch wieder aus diesem hinaus: Wie aus Fruchtkapseln herausgeschleuderte Samen verteilen sich die grau gemalten Formen über die Wand. Die «Überschreitung» ist allerdings nicht nur eine des Bildfeldes: mit ihrer Grösse und Farbigkeit emanzipieren sich die Formen auf der Wand auch ganz dezidiert von ihrem mehr oder weniger direkten Naturbezug.

 

Als verspielte Markierung im Ausstellungsraum 2 figuriert die Wandzeichnung «Gebäudearbeit ll, Kopfraum» (2009/2010). Scheinbar zufällig hat die Künstlerin ihre freilich sehr bewusst komponierte Zeichnung platziert – diese präsentiert sich hier wie irgendein Gewächs am Wegesrand. «Grosses Wiesenstück 1» und «Grosses Wiesenstück 2», die beiden Grossformate, bestechen durch die leuchtende Buntheit der unteren Farbschichten, die von feinen weiss gemalten Formen überlagert werden, in denen man ihrerseits die Pflanzenstrukturen der Sunprints erkennen mag. Was hier angelegt ist, das starke Wechselspiel von Figur und Grund, wird in der neuesten, nun im Ausstellungsraum 1 erstmals gezeigten Werkserie von Barbara Maria Meyer noch auf die Spitze getrieben: «a singular garden» (2010) sind äusserst subtile Malereien auf hautfarbener Baumwolle. Von Weitem erkennt man zunächst nicht genauer identifizierbare weisse Flächen. Erst bei näherer Betrachtung, und je nach Lichteinfall mehr oder weniger, zeichnen sich Pflanzenarrangements in ihren Umrissen ab und die zuerst wahrgenommenen Figuren entpuppen sich als Zwischenräume. In diesen wortwörtlich singulären – einzigartigen, aber auch seltsamen – Bild-Gärten erhält der Bildträger, die zarte Membran des halbtransparenten Tuchs sowie der Keilrahmen, eine erstaunliche Präsenz. Die organischen Vor-Bilder, zwar allgegenwärtig in Barbara Maria Meyers Œuvre, erscheinen hier hingegen fast nur der Spur nach, in höchst reduzierter Form. «a singular garden» sind denn auch nicht einfach bloss schöne Malereien. Die Arbeiten thematisieren darüber hinaus die Fragwürdigkeit der Begrifflichkeit, mit der man (gemalte) Bilder üblicherweise zu erfassen sucht: «Figur» und «Grund» sind genau genommen zur Beschreibung eines Gemäldes unbrauchbare Wörter – ist es doch gerade in Barbara Maria Meyers neuesten Werken eine Frage der Perspektive, welche Bereiche eines Bildes dem Betrachter als Figur und welche als (Hinter-)Grund erscheint. 

 

Isabel Fluri 

 
 


 
 

Pressestimmen


nlz-11-10-2010.pdf 

Kunst-Bulletin.pdf